Abschied und Ausblick: Was machen wir als FFRL zur Mission bis 2025?

Abschied und Ausblick: Was machen wir als FFRL zur Mission bis 2025?

Liebe Freifunkas,

nach vielen Jahren der Zusammenarbeit im Freifunk geht für uns eine Ära zu Ende. Wir sind im Jahr 2014 angetreten, um die seinerzeit technisch strukturellen Probleme des Freifunk Rheinland e.V. zu überwinden. Wir waren und sind getrieben von dieser Mission: Wissen und Zugang teilen und vermitteln, damit Menschen an der vielleicht größten Errungenschaft der Menschheit, dem Internet, teilhaben können. Die Mission ist noch nicht erfüllt, aber wir sind ein gutes Stück weitergekommen in den vergangenen fünf Jahren.

Wir - pberndro und takt - arbeiten weiter mit. Aber wir werden nicht mehr für den Vorstand kandidieren. Denn wir glauben, dass wir alle als Freifunk Rheinland zusammen jetzt überlegen müssen, worauf sich unser Verein konzentriert in den nächsten fünf Jahren. Und mit welcher Organisationsform wir das am besten umsetzen können. Der FFRL hat in fünf Jahren auf vielen Baustellen viel bewegt. Aus unserer Sicht sind das aber zu viele Baustellen für die nächsten fünf Jahre in dieser Organisationsform.

Wir denken: Da sollen vor allem die Menschen jetzt mitreden, die in den nächsten fünf Jahren noch aktiver sein wollen.

Bitte, packt zu, packt an und macht mit! Hier sind ein paar Gedanken von uns, was der Verein geschafft hat und was er vielleicht schaffen kann.

Rückblick: Das hat der Freifunk Rheinland geschafft (2015-2020)

Viel wurde bewegt, Technik, (IP)-Pakete, Wissen und sogar die Politik. Ministerpräsidenten, Minister, Bürgermeister, Abgeordnete und das Parlament. Der Freifunk Rheinland hat auf sehr vielen Baustellen gearbeitet. Hier die aus unserer Sicht wesentlichen:

Als Infrastrukturbetreiber: Ein Backbone für Freifunker im ganzen Land

Ausgangspunkt war das Problem Störerhaftung. Vorstand damals in unserem Verein war Lukas Lamla (@maltis). Unter großem medialen Echo ist es damals in der Operation Störerhaftung gelungen, eine beachtliche Menge Geld zu sammeln, um Freifunker ohne VPN-Tunnel vor drohenden Abmahnungen schützen zu können. Ein Teil des Geldes wurde verwendet, um Hardware anzuschaffen und Mitglied beim RIPE NCC zu werden. AS201701 war geboren und bald in der globalen Routing Tabelle des Internet sichtbar.
Hierzu wurde im September 2014 das erste Pärchen Router im Rack eines namhaften deutschen Internet Providers in einem Frankfurter Rechenzentrum verscharrt. Standorte in Düsseldorf und Berlin folgten sehr bald.

Ab Dezember 2014 folgte eine jährliche Vorstellung des Backbone Teams mit dem Titel “State of the InterNAT”. Es entwickelte sich so etwas wie ein Kult und gefühlt hatte die Veranstaltung, als sie 2018 auf dem 35c3 zuletzt stattfand, etwas von “Dinner for One”.

Ab 2015 nahm der Datenverkehr auf dem Backbone drastisch zu. Ende 2017 wurde dann langsam aber sicher auch das technische Limit der damaligen Plattform erreicht.

Es folgte ein Antrag zur Förderung durch das Land NRW, um die angestaubten HP DL320 zu ersetzen, und den Flaschenhals im Netz zu beseitigen. Im April 2018 ging die neue Hardware in Frankfurt und Düsseldorf in einer koordinierten Aktion des Backbone-Teams taggleich in Betrieb. Die Prozesse der Wartungsarbeiten waren zwischenzeitlich so gut durchdesigned und getestet, dass dieser Vorgang ohne Ausfall des Backbone geschah. Im September 2018 folgte dann der dritte und letzte Standort in Berlin. Seit dem gibt es viel Kapazität für die Zukunft…

Der FFRL ist zu einem professionellen Infrastrukturbetreiber geworden - mit viel Know-how und guten Prozessen und vielen Vereinen als Nutzern, aber mit rein ehrenamtlichem Support im Notfall.

Als Lobbygruppe: Speicherpflicht für Freifunk verhindert

Es gab in der ganzen Zeit im FFRL für uns keinen schlimmeren Gedanken als den, das ganze Backbone Projekt einstellen zu müssen, weil ein Gesetz uns zu Umsetzung der Vorratsdatenspeicherung zwingen würde. Das wäre für den FFRL aus ideeller, technischer und finanzieller Sicht nie machbar gewesen. Ein freies Netz ist mit einer anlasslosen Speicherung von Daten über Nutzer nicht vereinbar. Für uns war bis zur letzten Sekunde nicht klar, wie es weitergehen könnte. Wir haben es geschafft, in dieser Zeit einen Termin bei der Bundesnetzagentur zu bekommen und es wurde klargestellt, dass öffentliche WLAN-Netze und unser IP-Backbone nicht unter diese Regelung fallen. In Worten geschrieben klingt das alles nüchtern und nach reiner Verwaltungsarbeit im Hintergrund. Wir haben hier Monate an Zeit investiert das ganze ging an die Grenzen des Möglichen für ein Hobby Projekt wie Freifunk.

Der Freifunk Rheinland hat da schwer als Lobbygruppe gearbeitet - und wir hatten Erfolg.

Als Nothelfer: Freifunk-Versorgung für soziale Projekte

Wir und alle Freifunk-Vereine und Initiativen vor Ort haben ab 2015 massiv Menschen ans Netz gebracht, für die Kommunikation lebenswichtig war und für die niemand kurzfristig einen Plan hatte. Wir haben Notunterkünfte für geflüchtete Menschen angebunden, später Unterkünfte und Standorte wie Notschlafstellen für obdachlose Menschen im Winter.

Der Freifunk Rheinland und alle Ehrenamtlichen im Freifunk waren hier in einer Rolle unterwegs wie sonst das THW. Wir haben gebaut, was nötig war vor Ort. Schnell, so gut es geht, mit Richtfunk und Technikspenden.

Als Förderkoordination: Landesförderung für Freifunk

Der Landtag Nordrhein-Westfalen unterstützt Freifunk (2015) mit einem gemeinsamen Antrag der Fraktionen. Es gab Freifunk-Förderung für Vereine, Hardware-Kosten, Professionelle Installationskosten usw. wurden getragen, um Infrastruktur auszubauen.

Der FFRL war hier für die Verwaltung oft Ansprechpartner zu technischen und organisatorischen Fragen. Wir haben Wünsche und Bedarfe vieler Freifunk Initiativen und Vereine im ganzen Land koordiniert, kommuniziert und den Förderrahmen mitgestaltet.

Als Bildungsorganisation: Freifunk lernen bei den Routingdays

Mit über 120 Teilnehmern waren die RoutingDays im Februar 2016 das größte Event der Vereinsgeschichte. In einer großartigen Location, der Fortbildungsakademie des Landes NRW, wurde über 3 Tagen gelernt sich ausgetauscht, gefachsimpelt und geroutet. Es gab sogar einen Livestream und alle Sessions wurden aufgezeichnet. Bis heute helfen diese, das Wissen weiterzutragen.

Der FFRL hat hier Fortbildung und Wissentransfer aus den Communities in die Communities organisiert und das Wissen auch ziemlich erfolgreich aufbereitet, damit nicht jeder bei 0 anfangen muss.

Ausblick: Das kann der Freifunk Rheinland schaffen (2020-2025)

Nach vielen Jahren harter Arbeit und großer Erfolge, in denen teils zuvor Unvorstellbares erreicht wurde, fehlt uns zunehmend die Vision, wohin der Freifunk Rheinland e.V. sich in Zukunft entwickeln kann und soll. Wir haben daher beschlossen bei der MV im Oktober 2020 zu den Wahlen des Vorstandes, sowie des technischen Beisitzers, nicht wieder zu kandidieren. Den Prozess zu „der FFRL in 5 Jahren“ wollen wir mit anstoßen und begleiten. Vor allem die Frage was soll aus dem FFRL werden beschäftigt uns.

Wir sehen diese drei großen Themen:

(1) Mission & Fokus

Für uns ist klar: Der FFRL kann mit rein ehrenamtlicher Struktur nicht all das tun, was er 2015-2020 gemacht hat:

  • Infrastrukturbetreiber
  • Lobbygruppe
  • Nothelfer
  • Förderkoordination
  • Bildungsorganisation

Zwei dieser Aufgabenfelder reichen schon als Schwerpunkte. Es braucht eine Mission und Fokus. Helfen können aus unserer sicht dabei diese Fragen:

  • Was will der FFRL bis 2025 schaffen?
  • Was ist unverzichtbar und wo kann der FFRL den größten Mehrwert schaffen?
  • Was leisten andere Organisationen schon und wo braucht es den FFRL unbedingt?
  • Wo sind die Aktiven im FFRL interessiert und stark?
  • Was will die Mitgliedschaft?

(2) Rolle im Verhältnis zu lokalen Initiativen

Der FFRL ist für viele lokale Freifunk-Vereine Backbone-Anbieter. Das hat sich 2015-2020 so entwickelt. Die Rolle des FFRL im Verhältnis zu den Vereinen vor Ort muss diskutiert und etwas klarer werden, damit der FFRL sich f im okussieren kann. Aus unserer Sicht hilfreiche Fragen für den Prozess:

  • Ist der FFRL Dienstleister oder Dachverband oder beides?
  • Für wen? Für Menschen? Für Freifunk-Initiativen in NRW? In Deutschland?
  • Wer sind die Stakeholder des FFRL und wie strukturieren wir sauber Binnendemokratie und sichern Handlungsfähigkeit?

(3) Struktur & Organisation des FFRL

Wenn Mission und die Rolle im Verhältnis zu Initiativen vor Ort klarer sind, muss die Frage nach der dazu passenden effektiven Organisationsform beantwortet werden. Diese Fragen finden wir dabei wichtig:

  • Welche Rollen und Qualifikationen braucht der FFRL im Ehrenamt? Wo finden und wie begeistern wir diese Menschen?
  • Wie schaffen wir unterschiedliche Möglichkeiten zum Mitmachen? Kleine Aufgaben, spezielle Aufgaben, unterschiedliche Fähigkeiten…
  • Ist alles effektiv im Ehrenamt zu leisten? Ist ein Zweckbetrieb sinnvoll?
  • Wenn der FFRL zum Beispiel als Kernaufgabe den Betrieb von Backbone-Infrastruktur für Freifunk-Initiativen definiert, braucht es dafür vielleicht andere Strukturen als für Lobby- oder Bildungsarbeit.
  • Wie sichern wir nachhaltige Einnahmen, damit die Infrastruktur läuft und im Notfall technisch kompetente Hilfe schnell am Backbone zur Verfügung steht?

Macht mit!

Wir hoffen, dass sich viele NachfolgerInnen und MitstreiterInnen mit neuen Visionen, Zielen und frischer Energie finden, um das Erreichte zu bewahren und den Verein weiterzutragen. Der Weg ist geebnet, die Gemeinnützigkeit wurde dem FFRL wieder erteilt und natürlich bleiben wir dem Verein erhalten!

Philip & takt

Essen & Karlsruhe im Oktober 2020

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Erst gestern habe ich einem Arzt in seiner Praxis von Freifunk erzählt. Er hat mich gefragt, warum dass denn nicht jeder macht :smiley: Die Antwort ist klar. Freifunk ist noch immer nicht bekannt genug. Und auch die Arbeit der Vereine ist nicht sichtbar genug.
Dein Überblick hilft sich daran zu erinnern was wir als Community schon alles geschafft haben. :+1:

Ich finde den Start der offenen Diskussion über die Zukunft gut und richtig. Ich freue mich, wenn sich viele daran beteiligen. Ich selbst sortiere noch meine Gedanken dazu.

Neben dem Forum könnten persönliche Gespräche helfen. Die Erfahrung hat gezeigt, dass bei Aufruf zu Mumble-Treffen eher wenig Personen dabei sind. Es ist zwar noch lange hin…Aber könnte ein virtuelles Treffen beim 37c3 eine größere Beteiligung schaffen? Plant ein Freifunker / eine Freifunkerin bereits etwas für den 37c3?

Generell glaube ich dass für die Zukunft des Vereins (und vieler anderer Freifunk-Vereine) die Zahl der aktiv Mitwirkenden ausschlaggebend ist. Falls man es schafft einen realistischen Überblick über diese Zahl zu bekommen ist das überhaupt Leistbare besser einzuschätzen. Kann der Vorstand hierzu eine Rückmeldung geben?

Vielen Dank @pberndro, @takt, die Vorstände und alle anderen FreifunkerInnen dass es euch gibt.

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