Ausstattung von Flüchtlingsunterkünften mit Internet


#1

Hallo.

Ich bin neu in diesem Forum und habe mich angemeldet, um ein wenig Unterstützung und Rat für ein sinnvolles Vorhaben zu erhalten.

Ich darf für die Stadt Ratingen die Flüchtlingsunterkünfte mit Internet austatten lassen und habe bereits von Lukas Lamla, Chritian Kicken und von Christian Paas wertvolle Tips dafür bekommen. Um auf Nummer sicher zu gehen, dass ich alles oder das meiste richtig mache, poste ich auch hier noch mal den aktuellen Stand der Vorbereitungen und freue mich über Anregungen und Feedback.

Aktuell habe ich für die insgesamt 10 Standorte die Angebote verschiedener Provider eingeholt und es erscheint, dass O2 an fast allen Standorten die größten Bandbreiten anbietet. Diese betragen 50 oder 100 Mbit und diese Angebote sind auch ohne Limit buchbar.

Ansonsten bietet auch T-Online an fast allen Standorten eine “Hybrid” genannte Anbindung, die aus einer Erdleitung mit 16 Mbit und einer zusätzlichen LTE Verbindung, die bis zu 100Mbit bieten soll.

Vodafone ist ebenfalls an allen Standorten verfügbar und bietet überall 16 Mbit und Unitymedia ist für keinen der Standorte verfügbar.

Jetzt ist meine Frage, ob jemand bereits Erfahrung mit diesen Providern hat, insbesondere, wenn es um eine Anbindung von, je nach Unterkunft, 60 bis 300 Personen geht.

Es wird auch noch die Entscheidung zu treffen sein, ob mehrere Anschlüsse parallel geschaltet werden sollen, um die notwendige Bandbreite für die Unterkünfte sicherzustellen. Vielleicht gibt es auch hierzu bereits Erfahrungswerte, wie viel Mbit durchschnittlich von Bewohnern der Flüchtlingsunterkünfte gleichzeitig in Anspruch genommen werden.

Dabei tendiere ich im Moment dazu erstmal einen Anschluss legen zu lassen und dann eventuell weitere zusätzlich zu beauftragen, wenn festgestellt wird, dass die Bandbreite nicht ausreicht.

Ja, das wären meine Vorbereitungen und Überlegungen bisher.
Für Feedback bin ich sehr dankbar.

Allerbeste Grüße an alle die das lesen


#2

Hallo,

schau dich doch mal zusätzlich nach lokalen Anbietern um, das hat in Aachen hervorragend geklappt:


https://www.netaachen.de/ueber-uns/unternehmen/presse/mitteilung/8816/

In Ratingen gibt es Beispielsweise die KomMITT, die sind mir ein Begriff weil sie einen sehr schnellen Speedtest Server anbieten. Die haben also sicherlich Kapazitäten. Außerdem bieten sie auch DSL Anschlüsse unter der Marke Rapeedo:
http://www.rapeedo.de/index.php?id=53
http://www.kommitt.de/

Wenn die Stadt die Kosten für die DSL Leitungen so oder so übernimmt ist ja vielleicht ein zusätzliches Sponsoring von Supernodes drin.

Eben noch aufgefallen: “Seitdem profitieren viele Kunden vor Ort von den Leistungen der Stadtwerketochter.”

Das sollte also im Interesse der Stadt sein.


#3

Die KomMITT ist afaik 100%ige Tochter der Ratinger Stadtwerke.

Die machen ihre eigenen Hotspots, obwohl Freifunk seit längerem bekannt ist und auch schon im Rat war: http://www.rapeedo.de/index.php?id=66&tx_news_pi1[news]=6&tx_news_pi1[controller]=News&tx_news_pi1[action]=detail&cHash=f3302fdab05d9e81099e5121217055a7
Insbesondere filtern die auch Krempel aus wegen Jugendschutz…

Die werden vermutlich kein guter Verbündeter sein. Wenn man den Vergleich zu uns sucht, dann sind die eher NetAachen als Relaix. Aber DSL können die ja trotzdem liefern. Und da stimmt das, wenn die Stadt das über ihre Tochter erledigen kann, dann ist da natürlich eher politischer Wille vorhanden sich an den Kosten zu beteiligen.


#4

Nicht nur NetAachen/NetCologne macht auch eigenes wlan, Relaix macht auch eigene Hotspots und beide unterstützen uns.

Nur nicht abschrecken lassen!


#5

Hallo Lan,

schön dass Du den Weg zu uns gefunden hat.

Als jemand, der aktiv in der Befunkung von 3-4 Unterkünften im Bereich von je 50 bis 300 Personen heftig involviert ist muss ich Dir leider sagen:

Auf zu Zusagen von Providern, sie könnten an Standort x etwas schalten: Nichts drauf geben bis es wirklich geschaltet ist. Und dann schauen, was wirklich ankommt am Modem. Und dann auch abends und nicht nur vormittags.

Denn diese Unterkünfte zeichnen sich dadurch aus, dass eben nicht je ein Nachbar A links und Nachbar B rechts mit exakt gleicher Kabelführung, die schonbeim Provider (oder in der Telekom-Datenbank) sind und man daher annehmen kann, das bei C in der Mitte dann wohl auch soviel herauskommen wird.

Meist ist da nämlich nur grüne Wiese. Oder das Haus war schon kurz vor der Entkernung und Rückbau bevor dann Geflüchtete untergebracht werden.

Besonders tun sich da die KabelTV-Anbieter hervor, die erst große Zusagen geben mögen. Und sich sogar über das Dutzend Schaltaufträge freut wie ein Schneekönig (zumindest der Vermittler).
Nur das bittere Erwachen kommt, wenn 4 Monate später und viele Bauherrenantragsformulare später nach wie vor erst ein einziger Anschluss geschaltet ist. Und es angeblich immer nur “2 Meter aufgraben” liegt, was aber gerade zufällig nicht ginge.

Und so bitter es klingt, aber die Telekom (gern auch in der Conster-Inkarnation) ist Herrin über das meiste Kupfer. Die Mitbewerber mögen das mit dem Magenta-Verein gut hinbekommen wenn im “Sonnenweg 5a, Etage 4 links” geschaltet werden soll, wo vorher schon Oma Müller wohnte.
Aber wenn es um Sonderwürste mit latent fehlerhaft dokumentierten Kabelwegen und Fernaufschaltungen in halb vergessenen Gewerbegebieten und ehemaligen Schullandheimen geht: Da kann man sich bei den Mitbewerbern gleich einsargen lassen, weil die das mit der Telekom kaum koordiniert bekommen. Die Telekom braucht zwar auch 2-4 Technikerbesuche, kann aber dann schlecht mit dem Kunden Pingpong spielen, es würde ja auf sie selbst zurückfallen.

Und der Rest: Du fokussierst Dich natürlich erstmal primär auf die Uplinks.
Nur faktisch ist das das noch das kleinste Problem.
Das wirst Du merken sobald Du die Uplinks hast.

Denn zu 700€ für’s Jahr an Uplink kommen nochmal mindestens 1500€ Euro Material, was es zu installieren gilt. Und das wenn man es billig macht. Wenn man es “Carriergrade” machen möchte, dann gleich Faktor 10. Ist dann aber auch doppelt so schnell hinterher. (Nein, das ist kein Tippfehler, das meine ich jetzt wirklich so.)

Und unter 70 Arbeitsstunden solltest Du eine Einrichtung auch nicht kalkulieren, wenn Du alle Vorbesichtigungen, alle Gesprächstermine, die 2-3 vollen Installationstermine, das Bugfixing und die Feinjustage mit einrechnest. (mit einem Team was keine Übung hat: gern auch das Doppelte. Wenn ihr Euch noch streitet und Grundsatzdiskussionen führen möchtet und in verschiedene Richtungen zieht, dann auch gleich das Dreifache.)
Ach ja, erwähnte ich, dass es ohne ein hoch motiviertes Team nicht geht? Und zwar eines, was auch in der Lage ist, mit Fluktuation zurechtzukommen, also stets neue Leute mit ins Boot zu holen wenn andere entnervt aufgeben oder Lebenspartner zur Ordnung oder Arbeitgeber zu Überstunden oder Dienstreisen rufen.

Ach ja, und im Gegensatz zu normalen Freifunk-Routern, die maximal 5% von dem zu nutzen pflegen an Bandbreite, was “da” ist: Unterkünfte nehmen alles was die Leitung hergibt. Ist auch normal, wenn 300 Leute an 25MBit/s hängen.
(Kannst auch gern 50, 100 oder 200 MBit/s hineinschreiben. Verbraucht sich auch…)

Und dann kommen die Kosten im Headend dazu: Ein VPN-Server für rund 500€/Jahr schafft rund 150-300MBit/s, wenn er als 500MBit/s an 1Gbit/s-Port ("250MBit/s garantiert) beworben wurde.
Du darfst Dir also wenn Du nicht überbuchen willst, für je 3 große Unterkünfte den nächsten Server einkalkulieren.
(Natürlich überbuchen alle und sagen dann “mit L2TB wäre alles viel besser”. Geht aber am Problem vorbei: Der Traffic muss am Server zweimal über die Lankarte.)
Wenn Du also Unterkünfte mit 200MBit/s anbindest, dann kannst Du für jeden gleich einen VPN-Server dediziert mit dazubuchen… egal ob nun L2TP oder FastD… das Problem ist die Menge an Traffic die der RZ-Vermieter bietet, wenn es um “Dauerstrich 24/7” geht.


#6

Ich schließe mich meinem Vorredner bedingungslos an.

Habe aber noch ein zwei Ergänzungen.

Beim DSL Uplink solltest du nochmal mit der Stadt sprechen, denn meistens haben sie Rahmenverträge und dann kannst du leider nicht bei xy buchen sondern bist an einen Anbieter gebunden.

So geschehen bei mir in einer Unterkunft die mit der Telekom mit 50Mbits hätte versorgt werden können. Dank Rahmenvertrag hängen nun 30 Leute an einer 9 MBits Versatel Leitung.

Sollte es o2 werden, plane direkt 10 bis 15€ mehr pro Monat ein und buche unbegrenzten Datentransfer als Option hinzu. Die normalen Tarife haben eine FairUse Mechanik integriert und werden bei überschreiten einer festen Datenübertragungsmenge 2 Monate in folge im 3. Monat gedrosselt.

Ich denke wie adorfer, dass du mit dem Mangeta Riesen wahrscheinlich die besten Ergebnisse erzielen wirst. Kann dir die Konkurrenz jedoch bedeutend mehr Bandbreite liefern, ist es je nach Gebäude zumindest eine Überlegung wert.

Was DSL Hybrid angeht so empfehle ich (habe selber Hybrid) hier erst den kleinsten oder mittleren Tarif zu buchen und auszutesten ob die LTE Funkzelle überhaupt noch genug freie Kapazitäten hat. Hybrid Kunden werden auf der Zelle benachteiligt und mobil Kunden der Vorzug gewährt. Sind dann schon mehrere Hybrid Kunden auf einer 150MBits LTE Zelle wird es schnell eng. Ein Upgrade ist im Nachhinein schnell und einfach über das Kundencenter möglich. Ohne Anruf ohne Technikerbesuch.

Gewöhne dir auch von Anfang an an, alles ordentlich zu dokumentieren. Wer machte wann was, wann wurde was beantragt usw…

@adorfer hat erst kürzlich ein kurzes Brainstorming zum Thema Unterkünfte verfreifunken hier gepostet lese es mal durch.

Was die Server angeht so kommunizieren wir dies genauso. Bei Anbindung Traffiklastiger Orte ist zwingend die Mitfinanzierung der Server nötig. Denn gerade EAEs belasten das Netz sehr. Es wäre blauäugig zu sagen, “Kommt mal alle in unser Netz, das packt das schon!”.

Suche von Anfang an engen Kontakt zu deiner Community und denen, die die Server betreiben.

Wenn etwas unklar ist frage dort oder hier. Wer ordentlich (mit Fakten) fragt bekommt hier (immer) gute Antworten.

Unterm Strich ist das sicher viel Input aber es fällt bei mir in deine Kategorie einfach machen. Die Menschen werden es euch danken.

Viel Glück und Spaß.


#7

Hallo @Lan,

willkommen bei den Kreis-Freifunkern. Wie @adorfer schon geschrieben hat, müssen wir uns vor Installationen auch über das Backend unterhalten.

Im Kreis Mettmann waren wir in der Domäne Rheinufer, die seit einiger Zeit keine neuen Nodes mehr aufnimmt. Daher bauen wir eine eigene Domäne neanderfunk auf, die sich allerdings noch in der Testphase befindet. Aktuell haben wir also keine produktiv einsatzfähige Firmware!
Es wäre prima, wenn du an dem 3. FF-Kreistreffen teilnehmen könntest. 3. Freifunktreffen Kreis Mettmann


#8

Hallo @Lan,

noch eine kleine Ergänzung: Mettmann (Stadtgebiet, nicht der gesamte Kreis) ist eines der Glasfaser-Ausbaugebiete der Telekom. Ggf. kannst Du FTTH für den Uplink bekommen…

Grüße
Andreas


#9

Zu Unitymedia: die bieten für alle Flüchtlingsunterkunfte kostenlos* 150 Mbit/s im Rahmen der Aktion “jeder Anschluss zählt” an. Du könntest mal auf den Karten schauen ob das ggf. in der Nachbarschaft verfügbar ist und dann falls möglich, dort etwas schalten lassen und per Kabel oder Richtfunk Richtung Unterkunft zu schicken.

  • zur Zeit auf 12 Monate begrenzt, danach soll neu entschieden werden. Es ergeben sich keine Vertragslaufzeiten/Verbindlichkeiten.

#10

Zu UM schrob ich oben.
Es ist ein hartes, hartes Brot mit denen.


#11

Wow,

Danke für diesen ganzen Input!

Ich freue mich total über dieses hilfreiche Feedback und habe mir alle Antworten bereits durchgelesen.
Ich werde die Ratschläge morgen noch einmal in Ruhe für mich sortieren und dann in meine weiteren Überlegungen einfließen lassen.

Auf jeden Fall halte ich euch auf dem Laufenden,
wie sich das Projekt entwickelt.

Danke schön!


#12

Hallo

und danke euch vielmals für die ausführlichen Antworten.

Das bedeutet also, dass ich der Stadt mitteilen muss, dass sie pro ca. 3 Einrichtungen einen Freifunkserver finanzieren muss, der ca 500,- € im Jahr kostet?


#13

Unitymedia habe ich übrigens überprüft und die sind an keinem der Standorte verfügbar.

Aktuell warte ich noch auf Antwort von Rapeedo und ansonsten läuft es auf Telekom, 1&1 oder O2 hinaus.


#14

Hallo Lan,

ich würde eher mit 600€ pro Sever und Jahr rechnen.

Ein Server kostet zwischen 19€ und 35€ pro Monat. Dazu kommen noch 10€ pro Monat für den VPN Exit pro Server.


#15

Auf welche Art funktioniert das dann?

Die Stadt überweist einen Betrag an den Freifunk eV. und jemand aus dem Verein übernimmt den Rest oder muss die Stadt selbst einen Server mieten?


#16

@Lan, nein, muss sie nicht.
Soweit ich weiss reicht eine Spende an den Verein mit dem Vermerk “Community Ratingen” und dann wird das intern für den Server in Ratingen (z.B. neanderfunk) weitergeleitet.
@Veritas, stimmt doch, oder ?


#17

Das stimmt. Die Spende muss halt zweckgebunden für Ratingen identifizierbar sein. Sobald sie auf dem Vereinskonto eingetroffen ist, könnt Ihr die Verwendung - zum Beispiel für Serverkapazitäten der Domäne Neanderfunk - bestimmen, um die Community / Flüchtlingsunterkünfte in Ratingen weiter auszubauen.
Kommunikation über den Vorstand / Schatzmeister und den Verantwortlichen in der Domäne Neanderfunk.