Rückgang von Communities - Rettungsleine?

Wir (Freifunk Region Stuttgart) sind hier ziemlich dezentral (de-)organisiert. Verschiedene Aufgaben nehmen verschiedene Personengruppen war. Manche mit offiziellem Status in Form einer dedizierten Mailingliste, aber im wesentlichen weil sich halt Leute zusammen finden die sich dafür interessieren.
Verein: Vertragsgeschichten, z.B. Vereinshaftpflicht für Events und Nodes aufstellen, finanziert auch einen Teil der Gateways
Firmware: einzelne Engagierte, die bei der Firmware mal wieder was voran bringen wollen. Das hat zum anderen zu einem lokalen gitlab mitsamt autobuild geführt, in der Folge zu einem Firmwareworkshop und mehr Beteiligung
Infrastruktur: sehr unstrukturierte Spielwiese für Leute die Dinge aller Art machen, Mailinglisten, Wiki, Ticketsystem, Prometheus/Grafana, gitlab, Systemadmintechnisch und inhaltlich.
GW-Admins: mehrere Personen die voneinander unabhängig auf verschiedene Arten GWs installieren und betreiben, aber doch soweit miteinander reden dass das kompatibel bleibt. Die Admins finanzieren ihre GWs meist selbst oder jemand anderes stellt eine Hardware+Netzverbindung zur Verfügung
Allgemeine Mailingliste, verschiedene Ortsgruppen und Individuen, die im wesentlichen lokal Nodes auch in größerem Kontext betreuen.

Wenn die Infrastruktur an sich steht, d.h. je nach Setup gibt es mindestens eine Firmware die einfach zu installieren ist finden sich die Nodebetreiber von alleine.
Firmware, Infrastruktur und GW-Admins leben zum einem vom Bestand, zum anderen davon, dass Einzelpersonen wenn sie sich für etwas interessieren Workshops daraus machen, da kommen zum einen immer dieselben, zum anderen aber auch neue Leute dazu. Angekündigt wird das per Mailingliste. Das bekommt damit jeder per Push mit, der sich mal eingetragen hat.

Wir versuchen hier im Wesentlichen von uns selbst unabhängig zu sein. Durch die Art wie wir das Netz hier betreiben kostet eine ausreichende Gatewayhardware 20-100€/Monat als Rootserver. Davon kann es in der jetzigen Konfiguration bis zu 90 Stück geben. Sonstige laufende Kosten haben wir bis auf die Vereinshaftpflicht nicht und früher ging es auch ohne. Ein Finanzierungsdienstleister wird so nicht gebraucht. Auch kein *IX-Anschluss mit ASN, eigenen IPs und BGP. Kann man alles machen, ist halt mehr Aufwand und Komplexität. Und steigende Komplexität führt automatisch zu weniger Personen die sich das zutrauen und damit zu höherer Last auf den Personen die das gerade (noch) machen.
deshab denke ich dass eine Konsolidierung wie sie @christian.weiss beschreibt kurzfristig vielleicht Linderung bringt, auf Dauer aber abbrennt. Insbesondere die automatisierte Infrastruktur muss irgendwann mal auf neue Releases aktualisiert werden und das ist normalerweise echt Arbeit. Erst recht wenn in der Zwischenzeit das Automatisierungstool noch Updates bekommen hat. Keep it Simple.
Wenn die Voraussetzung für Freifunk ein abgeschlossenes Jurastudium mit Schwerpunkt Vereinsrecht, IT-Studium mit Routing, Serverbetrieb, Deployment und Kommunikationstraining für die Anwerbung von Spendern ist dann ist das seltsam. Ich wusste nichts und hab mich da für so einen kleinen Teil interessiert, da konnte ich mich einfach rein arbeiten. Das gönne ich auch allen anderen.

Tschoe,
Adrian

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Bei uns in Franken haben wir ein System, was sehr dezentral aber dennoch mit einigen zentralen Elementen arbeitet.
Wir haben eine Firmware, die Weltweit eingesetzt werden kann. Über Koordinaten wird das passende Layer2 Netz ausgewählt (nennen wir Hoods). Das braucht derzeit einen zentrale Datenbank, die das verarbeitet, diese kann aber auch komplett umgangen werden.
https://monitoring.freifunk-franken.de/map?mapcenter=49.96801,10.97260,9&source=1&layers=0,1,1,0,1,1,0
(blauer Bereich = Hood = eigenes L2 Netz)

Um bei uns mitzumachen braucht man erstmal nur die FW.

Wenn man dann gerne eine „eigene SSID“ will, dann muss man entweder fragen, ob einem jemand eine neue Hood auf einem bestehenden Gateway erstellt, oder sich für 3€/Monat einen vServer klicken welcher via Babel in unseren Backbone kommt. Der reicht wiederum für hunderte User.

Exits haben wir unterschiedliche, die größten von einem der bößen Vereine, teils aber auch von Privatpersonen.

Im Endeffekt kann jemand schön wachsen.
Man fängt an, mit einem 0-841er Router auf dem Fensterbrett, findet das cool, fängt an bei den Nachbarn zu fragen, will mehr wissen, baut sich ein eigenes Gateway, will schnelleren Zugang, steigt somit auf das dezentrale System um und schwupps fängt man an Richtfunkstrecken zu planen.

Aber es stimmt, wenn man anfängt, steht man erstmal vor einem unübersichtlichen Haufen Informationen. Da muss man sich leider erstmal durchkämpfen.
Aber das liegt eben auch daran, dass es zu wenige Menschen in unseren Reihen gibt, welche die Wikis ganzheitlich pflegen könnten, einfach weil der Fokus mehr auf der Technikseite liegt.

Ich glaube aber auch, jemand der mit etwas Interesse den Kontakt sucht und nicht bei einer toten Community in eine Sackgasse läuft, dem wird geholfen :slight_smile:

Grüße,
Sebastian

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Ja und nein; $woanders mit Hetzner-Exit kommt dem Vernehmen nach häufig (also so, daß man täglich das Postfach scannen muß) ein Complaint über Hetzner an — wir machen hier seit ca. 5 Jahren lokalen Exit mit einem Netz, an dem fett »Freifunk« dransteht, und beim abuse-Postfach stirbt die Platte mangels Bewegung.

Insofern ist auch das ein Thema, was sich eine Community ansehen sollte; wenn 90% der Admin-Zeit für Abuse-cut&waste draufgehen, senkt das auch die Verweildauer jener Administratoren.

Second that.

Ja, das ist mittlerweile der Hauptgrund, wieder auf auf dem Zielsystem ausgeführte bash-Skripte zu schielen: puppet und ansible zumindest sind sowas von aus den Kinderschuhen nicht erwachsen bei einer Langzeitbetrachtung — und damit nicht wirklich einsetzbar, sofern man nicht in Sprints denkt und die Grundlagen eh’ alle 4 Sprints auf links zieht.

Irgendwie ist das exponentiell wachsendes ›technical debt‹ und somit kontraproduktiv: Die initialen Zeitersparnisse werden durch den Pflegebedarf der volatilen Deploymentsysteme mindestens mittelfristig aufgezehrt :frowning: Vielleicht mit ein Grund, warum des derlei Systeme gefühlt wie Sand am Meer gibt?

Anyway, auch die Wiki-Seiten von 2017 sind heute ggf. nicht mehr direkt nutzbar (oder in einem Monat schon verschwunden, was das nächste Erweiterungs-Deployment gefährdet; analoges gilt für github-Repos, leider).

Ist wohl ein Zielkonflikt: ein gut dokumentiertes $Deploymenttool-Gerüst bringt ggf. schnellen Erfolg (=> Setup einfach), vermittelt aber kaum das Hintergrundwissen, wie das Ganze funktioniert.
Baut man sein Setup „zu Fuß“ und versucht es dabei zu verstehen, ist nachher die Fehlersuche einfacher, aber der Weg zum laufenden Gesamtsystem lang und ggf. schmerzhaft. (U. a. wurden sicher nicht alle Wikis, Blogbeiträge u. dgl. aktualisiert.)

Um’s kurz zu machen: ohne den richtigen Mix aus Admins und Nicht-Admins wird IMHO keine Community dauerhaft überleben — und lokal Leute zusammenfinden kann aus meiner Sicht nicht zentral funktionieren.
Über andere Vereine Ressourcen anzumieten oder ähnliches skaliert ebenfalls nur bedingt, siehe infrastruktur.ms.
Somit sind die Möglichkeiten zu helfen stark begrenzt und laufen imho auf das ‚Münsteraner Modell‘ hinaus: Mesh für Community XYZ ‚mitbetreiben‘ (vorzugsweise gegen ‚Betriebsmittelspende‘), da lokal keine personellen Ressourcen dafür verfügbar.

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Wir haben hier 2 Gateways bei Hetzner auf den verein laufen. Für beide zusammen kommen wir auf weniger als 1 Abuse/Monat. Die meisten sind ‚FYI Botnetz‘, neulich gab es den ersten mit Antwortaufforderung (Filesharing). Da kamen über unser FFRL-Gateway deutlich mehr Complaints rein. Freifunk steht bei beiden dran. Bei dem von mir privat betriebenen kam noch nie was. So gigantisch ist der Aufwand nicht. Und mehrere billigere Server lassen mich das auch entspannt sehen. wenn mal einer fehlt ist das absolut verkraftbar. Wir versuchen uns, nicht nur bei den Servern, selbst unnötig/leicht ersetzbar zu machen. Kleine einfache Teile.

Tschoe,
Adrian

Wie gesagt, ich kann selbst derzeit mangels Masse nicht über Abuse-Complaints klagen; beim besagten Verein bekomme ich demnächst wohl genaure Zahlen.

Mag sein, ich würd’s unterschreiben, $woanders klagt man drüber. Genaueres Bild habe ich wohl in ein paar Wochen …

Also wir haben durchaus mal Monate, wo ein paar Dutzend Abuse-Meldungen in wenigen Tagen oder 1-2 Monaten ankommen - dann sind es aber meist nur die „Ihr habt Viren in eurem IP-Bereich“-Meldungen. Dann gibt es Monate, wo gar nichts kommt. Und dann gibt es Monate, wo auch mal mehrere „richtige“ Meldungen kommen. In der Regel geht es dann um Filesharing per BitTorrent.
Ist halt stark schwankend. Ich kann mich an Zeiten erinnern, wo innerhalb eines Jahres nur eine Anfrage kam und ich hab’ hier Monate in meinem Posteingang, wo mal ein halbes Dutzend Mails in zwei Wochen kamen.

Bei unseren IPs ist auch überall Freifunk hinterlegt, so weit ich weiß.

Und Hetzner hat uns schon mal eine Kiste dicht gemacht, weil wir nicht innerhalb der Frist geantwortet haben - die bei gerade einmal 4 (!) Stunden lag…

Die haben wir beim BSI abbestellt.

Interessant, wie? Auf die Aufforderung, für den hiesigen Bereich nichts mehr zu senden, gab’s keine Antwort, ergo wurde das BSI per Spamregel geerdet.

Ich glaube aber nicht, dass die Abuse-Ticket-Problematik das ist, was die meisten Communities in den letzten Monaten und Jahren zur Aufgabe bewegt hat.

Nach meinem Gefühl ist es eine Kombination aus

  • mangelnder Anerkennung für die jenigen, die einen guten Job tun (Lob bekommen nach meiner Beobachtungen nur die Faulen, die immer erst drei Aufforderungen brauchen, endlich mal gegen die Server zu treten, wenn man sie denn auf dem von ihnen bevorzugten Kommunikationskanal angesprochen hat)
  • ungünstige Wachstumsperspektive (wenn man’s richtig macht, dann wird die Arbeit und Finanzbedarf nur immer mehr, so lange bis man es nicht mehr handeln kann)
  • Fehlender Eigenbedarf (wie oben schon erläutert: IT-Affine Menschen haben inzwischen meist große Mobil-Datenpakete in der Tasche)
  • schlechte Erfahrungen mit Bürokratie-Overhead (Die Problematik „Erst mit einem Verein wird das Hobby richtig zur Hölle“ hat an vielen Stellen zugeschlagen)
  • Kollektive Selbstausbeutung ist blöd, wenn einem dafür nichtmal ein Gotteslohn versprochen wird.
  • Totaler Bastelfunk ohne echtes Internet: Wird für die meisten schnell langweilig, wenn man mit Lora so viel mehr experimentellen Bastelkram machen kann.

Was bleiben also mögliche Strategien:

  • Das tun, was einem selbst Spass macht (und das lassen, was eben keinen macht)
  • Nicht größer wachsen als man es selbst in der verfügbaren Zeit langfristig maintained bekommt.
  • Nicht größer wachsen als man es mit dem eigenen Hobby-Budget langfristig zu finanzieren bereit ist (oder ohne Arbeit und ohne Betteln stabile Sponsoren bekommt)
  • Nicht in die Salesperson-Overpromise/Overcommit-Falle rennen: Nichts versprechen, was man nicht definitiv halten kann, ohne dass es einem weh tut. Besser sogar nur das versprechen woran man selbst Spass haben wird.
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Ich würde noch »natürliches Altern« als Grund aufnehmen, bzw. konkreter »Veränderung der Lebenssituation«: Der eine beginnt, der andere beendet sein Studium; ein hochstolpern auf der Karriereleiter verändert die Freizeitsituation oder bedingt eine Verlagerung des Lebensmittelpunktes; die persönlichen Verhältnisse verändern sich (Anzahl Partner verändert sich um 1); … Bei jeder Änderung der persönlichen Lebenssituation bewertet man auch sein Engagement für andere Dinge neu, und da kommt dann sicher sowas wie Deine Liste zum tragen.

Leben passiert eben, Kinder werden geboren, (Groß-) Eltern werden Pflegefälle, … Insofern wäre eine Art »Jugendarbeit« praktisch.

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Auch wenn evtl. offtopic:

Jugendarbeitsprojekte gibt es einige im
Chaos- umfeld, die Freifunker müssen sich nur dran hängen bzw. mitmachen. Chaos Macht Schule, Jugend Hackt, vernetz-euch ( Freifunk Berlin).

Sehe ich IMHO auch als einzige Möglichkeit neue Freifunker zu gewinnen/zu begeistern.

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Das bedeutet aber doch nicht, dass nicht auch neue Menschen dazukommen und auch mal für länger als nur 2-3 Monate bleiben?

Will sagen: Aus irgendwelchen Gründen hat Freifunk 2014/2015 jede Menge Menschen für sich gewonnen, die (nach meinem Gefühl) die Mehrheit der heute aktiven stellt.
Und danach sind nur noch wenige nachgekommen.

Entweder sind die Menschen inzwischen schlauer als früher (dass sie sich nicht mehr auf dieses „Freifunk“ einlassen).
Oder der Freifunk ist heute so anders, die Leute nicht wirklich ankommen.
Sei es weil die Setup heute sich verändert haben. Oder weil Communities Neulige regelmäßig wegbeißen „weil sie immer die falschen Fragen stellen“.

Letzteres ist aber unwahrscheinlich, denn dann müssten sich zumindest „auf der grünen Wiese“ (wo also noch gar kein Freifunk ist seit Jahren) ab und an mal neue Communities gründen, die dann gemeinsam Wissen ansammeln.
Aber irgendwie passiert das auch nicht. (Die neuen Communities 2018/2019 kann ich an einer Hand abzählen.)

Kommt vor. Aus genannten Gründen.

Was stimmt: der Hype ist weg, und mit dem »Flüchtlingsproblem« auch ein plakativer Einsatzzweck.

Und was von meiner Warte aus schon 2014 nicht mehr existent war, ist der flächige Wunsch nach einem »Bürgernetz« — WLAN ›überall wo man ist‹ war damals interessant, heute auch noch, aber es sind ›ausreichend‹ GB plus Anmeldehotspots verbreiteter als damals. Warum sich also fragen, was hinter dieser SSID »Freifunk« steckt?
Sofern das Netz dahinter denn überhaupt funktioniert — auch eine Altlast, die mit 841er auch noch kultiviert wird.
Vielleicht ist einfach Klimaretten heute auch cooler als öffentliches WLAN.

Und daß die Parteien ja auch alles tun, um die letzten enthusiastischen Freifunker mit ihren Ränkespielen zu vergrätzen, und so Jahr um Jahr die formelle Anerkennung als gemeinnützige Tätigkeit verweigern, hilft auch nicht.
»Frag’ nicht, was Dein Staat für Dich tun kann sondern frage Dich, was Du für ihn tun kannst«? Meine Antwort darauf ist nicht jugendfrei.

Ich denke, daß die Problematik von Ort zu Ort verschieden gelagert ist, manche Gruppen halten sich ja oder wachsen noch, manche gründen sich gar neu.

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@wusel Manchmal frage ich mich, ob du für Freifunk oder dagegen bist…

Für mich ist seit Jahren klar, dass die technische Einstiegshürde, eine Community aufzubauen einfach zu hoch ist. Es ist schon schwer genug, Leute mit Begeisterung an einen Tisch zu kriegen, aber sich dann auch noch um die Server kümmern etc. Da steht und fällt die Community an den paar Leuten, die die Technik betreuen. Daher war mein Vorschlag, dass sich die „Techniker“ der einzelnen Communities an einen Tisch setzen, um eine gemeinsame Herangehensweise zu entwickeln. Sollte irgendwann einmal das Babel- und Node2Node-Konzept stehen, dann muss man quasi nur noch ein VM-Image auf die Hetzner-Kisten aufspielen und die schön mit Webinterface konfigurieren und ab und zu updaten.
Bis dahin sollte man mal ein Beispielrepository mit Dokumentation bereitstellen, wie man denn so eine Supernode mit Ansible oder was auch immer (aber bitte nicht 100 verschiedene Lösungen) aufsetzt.

Das muss halt gemacht werden und die „Techniker“ haben keine Zeit und Nerven dafür.
Daher bin ich schon länger der Meinung, dass es ganz ohne Geld nicht läuft. Man müsste sich gemeinsam einigen und auch mal jemanden für unbequeme Tätigkeiten bezahlen können. Ich bin auch ein Verfechter des Dezentralitätsgedankens, aber das heißt nicht, dass wir uns nicht auf einen gemeinsamen öffentlichen Auftritt oder gemeinsame technische Grundkonzepte einigen können. Gluon ist doch das beste Beispiel dafür, dass die besten/vielfältigsten Lösungen gemeinsam erarbeitet werden.

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Das hängt davon ab, wie Du Freifunk definierst :wink:

Ich kenne halt noch die Umsetzung mit WRT54G und Laptop im Ad-Hoc-Modus, um teilzunehmen — das war nerdig, mehr aber auch nicht :innocent:

Für mich ist Freifunk nur dann sinnvoll, wenn technische wie nutzerspezifische Parameter eingehalten werden: Eine SSID für einen (Groß-) Raum, d. h. Orts-, Stadt- oder auch Kreisgebiet (weil niemand drölfzig SSIDs abspeichert); Abbildung der sich daraus ergebenden Implikationen im Netz hinter der SSID (ob das nun über physischen oder simuliertern Layer 2 oder einen gut getricksten Layer 3 funktioniert, ist mir relativ egal; und bei hinreichender räumlicher Entfernung, wo also kein Roaming realistisch stattfindet, sind auch disjunkte Netze ok).
Das impliziert dann auch, daß eine lokale Ausleitung über hier DTAG, dort Vodafone, dahinten dann 1&1, nicht funktionieren kann; ich sehe jedenfalls nicht, wie das ohne negative Effekte sinnvoll für IPv4 und IPv6 umgesetzt werden könnte.

Kurzum: ich will pragmatischen, fluffig-funktionalen Freifunk — bauen wie nutzen.

Dem ist so, und der Schuh drückt bei mehreren Communities. Und die Zeiten ändern sich, mein »vielleicht ist einfach Klimaretten heute auch cooler als öffentliches WLAN« meine ich bitter ernst. Und auch »es sind ›ausreichend‹ GB plus Anmeldehotspots verbreiteter als damals«; vor drei, vier Jahren war noch gut ein Drittel des Monats über, wenn mein »Highspeedinklusivvolumen« meiner »Flatrate« schon am Ende war. Das geschieht bei mir mittlerweile nicht einmal im Urlaub mehr, da das Inklusivvolumen bei gleichem Preis gestiegen ist und an vielen Orten einfach ›freies‹ WLAN existiert, wenn auch überwiegend in der nervigen, für nomadische Nutzung untauglichen, Wegklickvariante. IMHO, YMMV.

Und für etwas, was man gefühlt nicht braucht, sind Mitmenschen schwer zu überzeugen, ihre Freizeit zu opfern.

Das habe ich ja in den letzten zwei Jahren auch in entsprechenden Threads wiederholt angesprochen und erprobe das gerade auf verschiedenen Ebenen. Allein, das ist viel schwerer umgesetzt, als der Gedanke ausgesprochen.

Und wie der heutige Tag gezeigt hat, schützt auch eine gemeinsame Deploymentbasis nicht vor komischen Überraschungen …

»Bau’ mir mal das Münsteraner Ansible in Salt um und füge diese Features hinzu« — alleine für die Definition von »diese« sehe ich mehrere Stunden Diskussion, und dann hat man vielleicht ein Pflichtenheft. Wer aber sucht dann Dienstleister aus, gesetzt den Fall, Softwareentwicklung fällt unter die satzungsgemäßen Ziele aller beteiligten Vereine (die zudem zum Teil erst noch zu gründen wären)?

Warum muß es einen gemeinsamen öffentlichen Auftritt geben? Die Einigung auf »gemeinsame technische Grundkonzepte« ist aus meiner Sicht derzeit »Gluon«, aus der Wahl, dies als Firmwarebasis zu nehmen, ergeben sich ein paar weitere technische Vorgaben, die z. B. hier im »nördlichen mittleren Westen« durch Münsters Ansible-Rollen im »Backend« berücksichtigt werden. Ein paar Dinge mögen aber auch communityspezifisch bleiben, weil die Ansätze und Befindlichkeiten halt auch unterschiedlich sind. Und das ist auch gut so. IMHO.
 


Edit, bevor wieder der Hinweis auf FFF kommt :wink: Ja, das Setup in Franken finde ich interessant, aber es ist unter den deutschen Communities halt doch eher die Ausnahme; Westdeutschland ist überwiegend Gluon-Land, mir bekannte Ausnahmen sind Bielefeld und Franken …

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Das ist das Problem, dass die Leute immer irgendwie „rundere Räder als der Nachbar“ haben möchten.
Feature-Creep führt zuverlässig dazu, dass am Ende gar keine Lösung steht.

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Ich glaube der Ansatz zu versuchen mit Freifunk die WLan-Hölle zu befrieden ist verkehrt. Die Leute, die Linux groß gemacht haben, haben in den Kernel das eingebaut, was sie haben wollten um coole Dinge zu tun. Die Benutzerfreundlichkeit stand da nie im Vordergrund.

Als ich mit Freifunk angefangen habe, hatte ich mal eine interessante Diskussion über die Doku von freien WLAN-Treibern und dass man das Wissen über diese eigentlich breiter streuen sollte. Meine Gesprächspartnerin damals hatte dazu eine recht manifestierte Meinung: Wer sich nicht durch den Code greppen kann, der lernt es ohnehin nicht. Ich war damals sehr frustriert von der Aussage und fand, dass die Fähigen einen gewissen Anteil ihrer Zeit für die Weiterbildung opfern sollten.

Inzwischen habe ich verstanden, warum sie recht hat. Jede Technologie hat einen gewissen Schwierigkeitsgrad und man kann einfach nicht alles beliebig vereinfachen bzw. sollte es auch nicht. Lernen ist manchmal Schmerz, da muss jeder mal durch. Nur so entwickelt man sich weiter.

Ich habe mich in Freifunk vertieft, weil ich etwas über Netzwerke und wie man diese baut, lernen wollte. Die Leute, die nur für irgendwen schnell günstiges WLAN bauen wollten, sind inzwischen alle nicht mehr dabei. Die, die sich für die Technik interessieren schon.

Klar kann man Fragen stellen, aber wenn man sich weiterentwickeln will, muss man auch mal selbst verstehen, wie Routing geht. Bücher lesen, Dokus wälzen und ausprobieren.

Unzählige Communities mit Plug and Play Lösungen aufzuziehen bringt uns nicht weiter. Die werden auch nur veröden, weil sie in ein Motivationsproblem der Aktiven laufen werden.

Lieber die jetzigen Teams zu mehr Skalierung animieren und vor allem weiter coole Dinge bauen.

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Würde ich alles unterschreiben…

Da fällt mir das Gleichnis mit dem Fisch und der Angel ein. Gib Menschen keinen Fisch, sondern eine Angel, damit sie selbst Fischen können. Ich habe zwei Jahre lang versucht, den ath9k-Code zu durchschauen. Als ich frustriert aufgegeben habe, habe ich mich mit Kernelprogrammierung allgemein beschäftigt. Auch hier fehlt eine einsteigerfreundliche Dokumentation. Mir hat jemand die Bücher von O’Reilly empfohlen und innerhalb von wenigen Monaten hat auf einmal alles Sinn ergeben und ich konnte mich durch den Code grepen. Ich hätte nie gedacht, dass man, um einen Überblick über den offenen Linux-Kernel zu kriegen, Bücher kaufen muss. Beim Freifunk-Backbone fehlt die Angel gänzlich - da gibt es auch kein gutes Buch drüber. Wem der Fisch reicht, der installiert sich einfach eine Firmware, wird aber auch nie etwas dazu beitragen.

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Ich würde das auch in Abrede stellen. Bücher sind in dem Umfeld ein Anachronismus, veraltet, bevor die Korrekturfahne fertig ist.

Aber es gibt Wikis, Blogs und dergleichen, die man konsumieren kann. Das ist alles kein Hexenwerk; jenseits des Flattermanns ist das nur langweiliges Routing, dafür gibt’s wohl auch Bücher. Ob man OSPF und BGP besser aus einem Buch als aus einem Workshop lernt: Geschmackssache. Und Batman wiederum ist nur ein etwas räumlich aus den Fugen geratener Switch: Netzwerker 1x1.

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